Gnadengemeinde Mannheim

Evangelische
Gnadengemeinde
in Mannheim-Gartenstadt

Casa Pequeno Daví

Seit 1999 pflegt die Gnadengemeinde eine feste Partnerschaft mit dem Straßenkinderprojekt "Casa Pequeno Daví" in der Stadt João Pessoa im Nordosten Brasiliens. 

Kindern aus armen Familien und Straßenkindern eine Perspektive zu geben - das ist das Ziel, das der Verein "Casa Pequeno Daví" (Haus des kleinen Davids) sich gesetzt hat. Unterricht, Ausbildung und Stärkung der Persönlichkeit, aber auch einfach eine warme Mahlzeit, darum geht es in diesem Projekt. Casa Pequeno Daví (CPD), so heißt auch eines der beiden Häuser, in dem rund 320 Kinder zwischen sieben und siebzehn Jahren von mehr als 30 geschulten und ehrenamtlichen Kräften betreut werden.

Durch das Projekt gelingt es, einen Teil der Straßenkinder in João Pessoa zum Schulbesuch zu bewegen, Jugendlichen eine Perspektive durch Ausbildung zu vermitteln und ihnen ein Stück Menschenwürde zurückzugeben.


Partnerschaft mit der Gnadengemeinde

Der Kontakt zur Casa Pequeno Daví entstand durch das damalige Pfarrerehepaar Heitmann-Kühlewein, das eine Zeit lang in Brasilien gewesen war und bei der Casa mitgearbeitet hatte. Nach der Beschäftigung mit der Situation der Straßenkinder in João Pessoa und ersten Aktivitäten entstand der Wunsch einer nachhaltigen Unterstützung und eines dauerhaften Austauschs.

Die Gemeinde sammelt seitdem regelmäßig Spenden und widmet der Casa jährlich einen Betrag, mit dem in Brasilien ein Projektmitarbeiter finanziert werden kann. Darüber hinaus werden Gelder aus Aktionen und private Spenden an die CPD weitergeleitet, die schon mehrfach in akuten Finanzkrisen willkommen waren, z.B. wenn die Unterstützung der Stadt ausblieb oder Verluste durch Einbrüche entstanden.

10 Jahre lang organisierte die Gemeindejugend mit großem Erfolg das jährlich Musikfestival Bands for Brazil, dass nicht nur die Arbeit der Casa an die Mannheimer Jugend heranbringt, sondern auch beträchtliche Summen für verschiedene Projekte der CPD erbracht hat. So wurden aus den Spenden des Bandprojekts Musikinstrumente angeschafft, mit denen die brasilianischen Jugendliche ihre eigene Band gründen konnten.


Austausch und Kennenlernen

Der Austausch beschränkt sich allerdings nicht auf Spenden, sondern erstreckt sich auch auf den kulturellen Bereich und persönliche Kontakte. 2001 stellten die brasilianischen und deutschen Kinder eine gemeinsame Ausstellung zusammen, die zeigte, wie ihre Stadt/ihr Viertel aussieht – und wie sie es sich erträumen. Die Werke wurden in Mannheim und in João Pessoa ausgestellt. Seitdem finden fast järhlich kleine Projekte dieser Art statt, etwa das gegenseitige Erschließen von Feiertagsbräuchen, Austausch von Adventskalendern und Weihnachtsgeschenken und vieles mehr.

2004 besuchten zwei Erzieherinnen der Casa Pequeno Daví die Gnadengemeinde. Sie berichteten bei vielen Terminen von ihrer Arbeit mit den Straßenkindern in João Pessoa, lernten aber auch Mannheim kennen. Am meisten beeindruckte sie einerseits, welch breite Möglichkeiten Kinder und Jugendliche bei uns zur Entfaltung ihrer Persönlichkeit besitzen. Andererseits zeigten das Hebel-Heim und die Straßenkinder-Anlaufstelle "Freezone" auch eine andere deutsche Realität.

Ein Dank an die Gnadengemeinde und ein in künstlerischer wie ideeller Hinsicht großartiges Geschenk waren die Paramente, die seit 2005 Altar und Kanzel schmücken. In Handarbeit hatten die - durchgängig katholischen - Mitarbeiter, Jugendlichen und Kinder der CPD unsere deutsche Tradition und Symbolik in wunderschöne Tücher umgesetzt. Sie sind Ausdruck dafür, dass hier eine wirkliche Partnerschaft entstanden ist, in der beide Seiten einander etwas zu geben haben.

        

Jüngster persönlicher Austausch war der Freiwillige Ökumenische Friedensdienst, den unser Gemeindemitglied Astrid Nortmeyer 2010/2011 für ein Jahr geleistet hat.

Entstehung der Casa Pequeno Daví

Der Verein ging aus der Straßenkinderpastoral hervor. Die Arbeit begann mit einem Raum am Busbahnhof João Pessoas, einem der beliebtesten "Arbeitsplätze" der Straßenkinder. In diesem Raum fanden die Kinder eine erste Anlaufstelle, wo sie zunächst mit dem Nötigsten versorgt wurden: sauberes Wasser, Duschen und Raum zum Spielen und Ausruhen. Um den Schulbesuch der Kinder zu unterstützen wurde auch Nachhilfeunterricht angeboten. Zu diesem Raum kamen die eigentliche "Casa Pequeno Daví" sowie seit 1999 das Mädchenhaus "Casa Menina Mulher".

Doch am Busbahnhof, wo sich die Stadt Reisenden und Touristen nach außen präsentiert, sind Straßenkinder offenbar nicht mehr erwünscht. Die CPD wurde gezwungen, den Raum im Zuge der Modernisierung des Busbahnhofs im Jahr 2001 aufzugeben. Die Kinder haben andere Orte des Erwerbs gefunden und sind durch die MitarbeiterInnen der CPD nun schwieriger zu erreichen.

Von den zu dieser Zeit am Busbahnhof betreuten Straßenkindern konnten 15 in eine neue feste Gruppe in Räumen des Mädchenhauses übernommen werden.  Über ein staatliches Programm gegen Kinderarbeit gelang es hier eine neue Gruppe von insgesamt 45 Kindern aufzubauen. Diese kommen hauptsächlich aus der Umgebung des Mädchenhauses und haben z.B. als Parkwächter, Papiersammler, Fischer oder sogar als Drogenkuriere gearbeitet.


Lebenssituation

Die Kinder der CPD haben oft schon viel hinter sich: Die meisten tragen durch Kinderarbeit wie Betteln, Verkauf von Süßigkeiten oder Schuhputzen zum Lebensunterhalt der Familie bei. Einige leben (oder lebten) auf der Straße. Sie kommen aus Familien, die unterhalb des Existenzminimums leben und sind schon früh mit Armut, Krankheit, Arbeitslosigkeit, Drogenmissbrauch und Gewalt in der Familie konfrontiert. An regelmäßigen Schulbesuch ist unter diesen Bedingungen kaum zu denken.

Zu Hause sind diese Kinder in den ärmsten Vierteln, sie leben oft in provisorischen Hütten ohne Wasser- und Stromversorgung. Viele kommen beispielsweise aus dem "Bairro Roger", einem Viertel, in dem sich auch die Mülldeponie João Pessoas befindet. Auf dieser Deponie arbeiten viele Familien als Müllsammler.


Die beiden Häuser

Im Bairro Roger liegt auch die CPD. In einem ehemaligen Schulhaus werden pro Jahr ca. 150 Kinder und Jugendliche, zumeist aus der Nähe der Mülldeponie, in Vormittags- oder Nachmittagsgruppen betreut. Voraussetzung ist, dass die Kinder regelmäßig zur Schule gehen.

Um die Chancengleichheit der Mädchen zu erhöhen, wurde 1999 ein Mädchenhaus (Casa Menina Mulher, CMM) eingerichtet. Hier gibt es Unterricht und spezielle Kurse nur für Mädchen, bei denen auch sexuelle Aufklärung ein wichtiges Thema ist. Die Angebote sollen verhindern, dass die Mädchen bspw. in die Kinderprostitution geraten. Im Jahr 2001 arbeiteten insgesamt 17 BetreuerInnen inklusive einer Psychologin mit 77 Mädchen im Alter von 10 bis 17 Jahren.

Mittlerweile diesem Jahr ist im Mädchenhaus noch eine zusätzliche Gruppe von Straßenkindern untergebracht, die ehemals in den Räumen des Busbahnhofs betreut wurden.


Die "sieben Säulen"

Der Arbeit des Vereins ruht auf sieben sogenannten Säulen:

1. Grundversorgung: Die Kinder erhalten ein Mittagessen und medizinische Versorgung. Die Mädchen der CMM werden regelmäßig zu Gesundheitsposten und zu Gynäkologen begleitet und bei Bedarf finden eingehende Untersuchungen statt. So wurde in jüngster Zeit bei einigen Kindern eine gravierende Anämie aufgrund mangelnder Ernährung festgestellt.

2. Schulbildung: Die schulische Förderung ist von besonderer Bedeutung, da viele Kinder aufgrund ihrer Arbeit auf der Straße im Vergleich zu ihren Altersgenossen mehrere Schuljahre "hinterherhinken". Doch zuvor müssen meist erst die Eltern vom Sinn des Schulbesuchs überzeugt werden. Wenn die Kinder zur Schule gehen, können sie nämlich nichts zum Haushaltsgeld beitragen. Deshalb wird den Kindern ein geringes Taschengeld gewährt, das den entgangenen "Verdienst" aus Kinderarbeit ausgleicht.

3. Berufsvorbereitung: In eigenen Werkstätten - Druckerei, Schreinerei, Kunstwerkstatt, Stoffgestaltung und Schneiderei - können sich ca. 30 Jugendliche der CPD auf das Arbeitsleben vorbereiten. Dazu dienen auch die kurzem eingeführten PC-Kurse. Für die Mädchen der CMM werden außerdem Batik, Kerzengießen, Schmuckherstellung und Sticken angeboten. Die hergestellten T-Shirts und Bilder, das Holzspielzeug und die Postkarten werden verkauft. Mit einem Teil vom Erlös werden die Werkstätten unterhalten. Den anderen Teil erhalten die Jugendlichen.

4. Persönlichkeitsbildung: "Ganzheitlich" sollen die Aktivitäten in der CPD sein. Das bedeutet, dass neben dem Unterrichtsstoff immer wieder die Realität und die Fragen der Kinder angesprochen werden. Themen wie Sexualität, Drogen, AIDS, Gewalt, Prostitution, aber auch die Rechte der Kinder werden diskutiert, es werden Videos gezeigt und Museen besucht, aber auch Ausflüge und Einzelgespräche stehen auf dem Programm. Bei sportlichen Aktivitäten, in Theater- und Tanzkursen werden Körpergefühl, Kreativität, Persönlichkeit und soziales Verhalten gestärkt.

5. Musikerziehung: Die Musikerziehung betont die instrumentale Praxis der Kinder sowohl individuell als auch in der Gruppe und somit künstlerische Aktivitäten, die auf den soziokulturellen Kontext gerichtet sind. Drei verschiedene Rockgruppen produzieren in Eigenregie Texte und Lieder und haben mittlerweile ihre erste CD produziert. Die Jugendlichen singen von ihren Träumen und Problemen, fehlenden Perspektiven und politischen Missständen. Gleichzeitig jedoch singen sie von neuer Hoffnung, die sie aus der Zugehörigkeit zur Casa Pequeno Daví schöpfen.

6. Sensibilisierung der Gesellschaft: Kinder aus ärmsten Verhältnissen werden in Brasilien häufig als Bedrohung empfunden und es ist wichtig, dass die Kinder eine Lobby erhalten. Die BetreuerInnen gehen in die Schulen und werben für mehr Verständnis und Unterstützung für ihre teilweise sehr problematischen Schützlinge. Die Arbeit wird durch die Teilnahme an Festen und anderen öffentlichen Veranstaltungen und über die eigene Homepage auch nach außen getragen. Die Sensibilisierung der Kinder und Familien für ihre Rechte als BürgerInnen und die Mitwirkung an Demonstrationen und Aktionstagen wie dem Tag für die Rechte der Kinder oder der Kampagne gegen Gewalt in der Familie stellt einen wichtigen Beitrag zur Demokratisierung dar. Insofern ist das Projekt der CPD durchaus auch als politisches Projekt der Stärkung der Rechte der Armen und Benachteiligten sowie insbesondere der Kinder zu verstehen.

7. Sensibilisierung der Familien: Ohne Veränderungen zu Hause ist es schwierig, das Leben für die Kinder nachhaltig zu verbessern. Deshalb halten die MitarbeiterInnen Kontakt zu den Eltern und sprechen bei Besuchen oder bei Elternabenden wichtige Themen an. Da geht es z.B. um gesunde Ernährung und vor allem um die Möglichkeiten, mit wenig Geld vollwertige Mahlzeiten zuzubereiten. Darüber hinaus werden Themen wie Gewalt in der Familie, sexueller Missbrauch, Erziehungsprobleme und die Bedeutung des Schulbesuchs angesprochen. Manchmal ist die Situation einer Familie aber so schwierig, dass die ganze Familie auch finanziell unterstützt werden muss. Es wird dann versucht, mit anderen Hilfsorganisationen zusammenzuarbeiten.


Finanzierung

In der CPD arbeiten sowohl pädagogisch als auch psychologisch ausgebildete ErzieherInnen sowie zahlreiche Ehrenamtliche. Die MitarbeiterInnen verdienen nicht mehr als einen Mindestlohn und ihre Arbeit beruht auf großem Engagement, persönlichem Einsatz sowie Überzeugung für die Sache.

Zunächst wurde die CPD vor allem durch eine kirchliche holländische Organisation und private Spenden unterstützt. Immer wieder wird mit der Stadt João Pessoa und mit dem Bundesstaat Paraíba um Zuschüsse, z.B. für die "Schulspeisung" verhandelt.

Der Erfolg und die Qualität der Arbeit zeigt sich auch darin, dass inzwischen auch Gelder von der EU und UNICEF bewilligt wurden.

Nicht zuletzt unterstützt kommt die regelmäßige Unterstützung der Gnadengemeinde dem Projekt zugute.


Eine Informationsbroschüre über die Casa Pequeno Daví können Sie sich als PDF herunterladen. Die Internetseite der Casa Pequeno Daví finden Sie unter www.pequenodavi.org.br.