Gnadengemeinde Mannheim

Evangelische
Gnadengemeinde
in Mannheim-Gartenstadt

Neuigkeiten

70 Jahre Gnadenkirche – ein Rückblick

Am Anfang war es nur eine Notkirche

Der 19. Juni 1949 war ein wichtiger Tag für die Protestanten in der Mannheimer Gartenstadt. Endlich wurde ihre Kirche eingeweiht. Von nun an konnten hier im Stadtteil, wenn auch damals noch eher am Rande, die Kirchwaldsiedlung gab es noch nicht, Gottesdienste gefeiert werden. Es gab nun auch in der Gartenstadt einen Ort für Taufe, Konfirmation und Hochzeit. Bis dahin gehörten die evangelischen Gartenstädter zur Paulusgemeinde auf dem Waldhof. Doch hier herrschte seit dem Zweiten Weltkrieg Raumnot. Die Kirche war zerstört, Gottesdienste wurden in einer Holzbaracke gefeiert. Pläne für eine evangelische Kirche in der Gartenstadt hatte es schon vor dem Krieg gegeben, doch zum Bau war es nie gekommen. Immerhin: Das Pfarrhaus war schon errichtet.

Dass es nach dem Krieg relativ schnell zu einem Neubau an der Ecke Waldpforte/Karlsternstraße kam, kann als Gnade empfunden werden – was Jahre später auch durch die Namensgebung ausgedrückt wurde. Zunächst sprach man nur von einer Notkirche. Die Evangelische Kirche in Deutschland hatte – mit Unterstützung des Weltkirchenrats in Genf – ein Notkirchenprogramm aufgelegt, um Ersatz für zerstörte Gotteshäuser zu schaffen. Der Kirchenarchitekt Otto Bartning hatte dem ökumenischen Gremium einen Entwurf vorgeschlagen, mit dem kostengünstig Kirchen gebaut werden konnten. Bartnings Entwurf bestand aus einer tragenden Holzkonstruktion, die in Serie gefertigt und an den jeweiligen Standort verbracht werden sollte. Diese Holzkonstruktion, auf dem Foto vom Richtfest 1948 ist sie gut zu erkennen, wurde im Ausland gefertigt und mit Fenstern, Türen, Empore, Gestühl und Installationen geliefert. Vor Ort wurden dann – mit tatkräftiger Eigenleistung – die Wände dieser Konstruktion mit Trümmersteinen aufgefüllt und das Gebäude fertiggestellt. Eine Kirche nach dem Baukastenprinzip, angepasst an die jeweiligen Gegebenheiten. Mit finanzieller Hilfe von Christen aus den USA konnte das Projekt verwirklicht werden: Sie spendeten Geld für 40 solcher Notkirchen in Deutschland, 40 mal 10.000 Dollar. Im Internet findet sich bei Wikipedia ein Artikel über die Bartning-Notkirchen und eine Liste samt Fotos der Gebäude in ganz Deutschland.

Eine dieser 40 Notkirchen sollte die der Gartenstädter Protestanten werden. Auch weil man es hier für dringend angebracht hielt. Die Mannheimer Bezirksstelle des Hilfswerks der Deutschen Evangelischen Kirche begründete den Wunsch nach einer Notkirche in der Gartenstadt wie folgt: Bei der Gartenstadt handele es sich um eine großangelegte Siedlung, „die sehr unter kirchenfremder, um nicht zu sagen kirchenfeindlicher Propaganda steht. Damit verbunden weist dieses Gebiet auch eine verhältnismäßig große Jugendgefährdung auf, sodass uns die Ermöglichung verstärkter kirchlicher Arbeit sehr am Herzen liegt.“ Die Jugend sei stark gefährdet, kirchliche Arbeit dringend nötig.

Im Herbst 1947 wurde mit den Arbeiten am Fundament begonnen. Doch sie gingen nur schleppend voran, weil es an Material fehlte. Im April 1948 wurde die Ausfuhr der Holzkonstruktion aus der Schweiz genehmigt. Im September 1948 dann konnte Richtfest gefeiert werden. Hierzu waren Vertreter der Kirchenregierung, des Hilfswerks der Evangelischen Kirche, ein Vertreter des Weltkirchenrats und auch Architekt Bartning in die Gartenstadt gekommen. Beim Richtfest wurde auch der Grundstein verlegt (Bild rechts). In ihn wurde, so berichtet es damals der Mannheimer Morgen, eine verlötete Metallkassette eingemauert. Darin enthalten: die Bauurkunde, eine von der amerikanischen Bibelgesellschaft geschenkte Bibel, Reden über das Vaterunser, einige Nummern des Evangelischen Sonntagsblattes für Baden, ein Programm der Feier und Schriften zum 100-jährigen Bestehen der Inneren Mission.

Einweihung (das Foto zeigt den Festzug von der Pauluskirche in die Gartenstadt) konnte, wie schon erwähnt, am 19. Juni 1949 gefeiert werden. In der Einladung zum 25-jährigen Bestehen der Kirche im Jahr 1974 zitiert Pfarrer Weber Probst Högsbro aus Kopenhagen, der als Vertreter des Weltkirchenrats zur Einweihung gekommen war. Er sagte am Tag der Einweihung: „Eine Notkirche dürfen wir heute einweihen. Notkirche heißt sie nicht, weil sie von Not zeugt: nein, dieses Haus zeugt in seiner ganzen Gestaltung von Einheit, Schlichtheit, Schönheit. Aber Notkirche heißt sie doch, weil sie aus einer Zeit der Not entstanden ist. Und unsere größte Not ist die, dass wir nicht als Brüder miteinander leben können, dass wir einander das Leben so schwer machen und verderben. An dieser Stätte will Gott uns in Seinem Wort und Sakrament nahe sein, der reich ist an Gnade, der unsere Schuld vergibt und uns aus aller Not erlöst.“ Und Weber ergänzte mit Worten, die heute vielleicht noch mehr Gültigkeit haben denn je. Er schrieb 1974: „Die äußere Not ist bei uns wenigstens weithin behoben, die innere seelische Not ist umso größer geworden. Brauchen wir darum nicht umso nötiger solche eine Notkirche?“

Die Kirche war fertig, wenn auch noch ohne hohen Turm, Glocken und Orgel. Das Fest begann mit einem Abschiedsgottesdienst in der Pauluskirche. Dann zog die Gemeinde in einer feierlichen Prozession vom Speckweg zur Karlsternstraße, begleitet vom Posaunen- und Kirchenchor. Der Kirchenchor der Gnadenkirche gründete sich übrigens kurz nach der Einweihung: am 9. Juli 1949.

1954 erhält die Kirche den hohen Glockenturm und damit ihre endgültige Gestalt, die des Typs B mit angemauertem Altarraum. Bartnings Entwurf hatte mehrere Varianten. Die Glocken kommen 1955 hinzu. Das Bild zeigt Pfarrer Wilhelm Weber bei der Glockenweihe.
 

Eine kurze Chronik der Ev. Gnadengemeinde

(Ohne jeglichen Anspruch auf Vollständigkeit)

1947 bis 1976: Pfarrer Wilhelm Weber (anfangs als Pfarrer der Paulusgemeinde Nord).
1949: Kindergarten eröffnet im städtischen Gebäude an der Walkürenstraße (heutiges Kinderhaus Gartenstadt)
1950: Die erste Konfirmation in der neuen Kirche mit 84 Konfirmanden.
1952: Der erste Teil der Orgel wird eingeweiht.
1954: Fertigstellung des Turms
1955: Glockenweihe; Spenden von Gemeindemitgliedern machten die Anschaffung von vier Bronzeglocken möglich
1956: Einweihung des neuen Kindergartens neben dem Pfarrhaus
1961: Richtfest Gemeindehaus
1962: Einweihung Gemeindehaus
1966: Fertigstellung der Orgel
1968: Errichtung des Taufsteins
1970: Erster ökumenischer Gottesdienst mit St. Elisabeth und Beginn zahlreicher gemeinsamer Aktivitäten.
1977 bis 1996: Pfarrer Wolfgang Meuret (seit 1976 schon als Pfarrvikar in der Gemeinde)
1989: Zum 40-jährigen Bestehen der Kirche spenden zahlreiche Gemeindemitglieder Geld, mit der die bunten Fenster im Altarraum angeschafft werden können. Sie stammen von Josef de Ponté aus Schwaigern bei Heilbronn.
1997-2008: Andreas Heitmann-Kühlewein, ab 1998 teilt er sich die Stelle offiziell mit seiner Frau Anne Heitmann.
1999: Partnerschaft mit dem brasilianischen Straßenkinderprojekt Casa Pequeno Davi, von 2001 bis 2010 organisiert die Gemeindejugend das Benefiz-Rockfestival „Bands for Brazil“.
2004: Die Gnadengemeinde übernimmt die Trägerschaft des Senioren-Mittagstisches im Bürgerhaus.
2007: Eröffnung der neuen Kindertagesstätte Himmelsstern
2009: Zum 60. Geburtstag bekommt die Kirche einen frischen Innenanstrich und werden die Holzböden renoviert.
2009: Stefanie und Hans-Peter Günther kommen als Pfarrvikare an die Gnadenkirche und teilen sich die Stelle, 2010 werden sie ordiniert.
2009/10: Das Gemeindehaus wird energetisch saniert.
2012: Mit der Spendenaktion „Barrierefrei – wir sind dabei“ wird der Bau einer Zugangsrampe und einer Behinderten-Toilette im Gemeindehaus möglich.
2014: Pfarrer Dr. Michael Koch kommt als Pfarrer im Probedienst in die Gnadengemeinde, 2015 übernimmt er die Pfarrstelle.
2018: Die Steinmeyer-Orgel wird grundlegend saniert – wieder helfen die Gemeindemitglieder mit ihren Geldspenden mit.
2019: Die Evangelische Gnadengemeinde feiert ihr 70-jähriges Bestehen.

Zurück